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KrankenkasseSmartphone statt Gespräche: Warnung vor Sprachstörungen

Sprachdefizite bei Kindern nehmen zu: Waus statt Maus und Eddy statt Teddy sind typische Fehler. Eine Krankenkasse macht auf die alarmierende Entwicklung im Smartphone-Zeitalter aufmerksam. Chatten und Liken seien kein Ersatz für direkte Kommunikation.

Von dpa 07.12.2023, 05:51
Zwei Schüler gehen am frühen Morgen auf dem Schulweg zu ihrer Grundschule in der Region Hannover.
Zwei Schüler gehen am frühen Morgen auf dem Schulweg zu ihrer Grundschule in der Region Hannover. Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild

Hannover - Fehlende Wörter, falsche Satzstellungen und überhaupt weniger Freude am Gespräch: Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern nehmen zu. Die Zahl von Heranwachsenden mit Defiziten sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, teilte die KKH Kaufmännische Krankenkasse in Hannover unter Berufung auf Daten ihrer Versicherten mit. War den KKH-Daten zufolge 2012 bei jedem 18. Kind bundesweit eine Sprach- und Sprechstörung diagnostiziert worden, so betraf es 2022 fast jedes 12. Auch die Pandemie habe daran einen großen Anteil.

„Das Haus bunt ist“, Eddy statt Teddy - viele Kinder ringen um Worte. Das Auslassen oder Tauschen von Lauten zähle ebenso dazu wie falscher Satzbau, ein nicht altersentsprechender Wortschatz, Stottern, Lispeln oder gar Verstummen. Immer mehr Kinder seien in logopädischer Therapie. Der Anteil der betroffenen KKH-Versicherten zwischen 6 und 18 Jahren stieg demnach von 2012 auf 2022 um rund 59 Prozent. Bundesweit seien fast neun Prozent der 6- bis 18-Jährigen betroffen - fast jeder zehnte Junge und rund jedes 15. Mädchen. Am höchsten sei die Steigerungsrate im Zehn-Jahres-Vergleich bei den 15- bis 18-Jährigen mit fast 144 Prozent (Mädchen plus 160 Prozent, Jungen plus 135 Prozent).

„Sprache und Sprechen sind Grundpfeiler für die Entwicklung eines Kindes“, sagt Vijitha Sanjivkumar vom Kompetenzteam Medizin der KKH. „Denn Sprachkompetenz ist einer der Schlüssel, um Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle mitzuteilen, sich die Welt zu erschließen, sie zu verstehen und sozial mitzugestalten.“ Zu den Auslösern der Defizite zählten unentdeckte Hörstörungen, genetische Veranlagung und anatomische Gründe wie ein fehlgebildeter Kiefer ebenso wie Probleme in der Familie oder Schicksalsschläge.

Ein weiterer Grund: „In vielen Familien wird zu wenig mit dem Nachwuchs kommuniziert, selbst bei den Mahlzeiten nicht“, betont Sanjivkumar. Dadurch fehlten Reize, die eine gesunde Sprachentwicklung förderten. Vielfach gehe das auf das Konto intensiver Nutzung von Smartphone, PC und anderen digitalen Medien. Sie rät Eltern, jede Gelegenheit zu nutzen, um die Entwicklung anzuregen: „Lesen Sie je nach Alter Geschichten vor, fördern Sie das Sprechen über Handpuppen oder Rollenspiele, singen Sie gemeinsam, begleiten Sie Ihr Kind beim Medienkonsum und reden Sie über gemeinsame Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Seien Sie geduldig und hören Sie aufmerksam zu, wann immer sich Ihr Nachwuchs mitteilen möchte.“

Die Pandemie habe wie ein Brandbeschleuniger gewirkt, hieß es in der Auswertung. Als Kitas und Schulen geschlossen waren und der direkte Kontakt zu Gleichaltrigen, Erziehern und Lehrern fehlte, geriet die Sprachentwicklung demnach bei etlichen Heranwachsenden ins Stocken.

Auch wenn Menschen ein unterschiedliches Entwicklungstempo haben und sich nicht hinter jeder Auffälligkeit eine tiefgreifende Störung verbirgt, sollten Eltern sich frühzeitig von ihrem Kinderarzt oder ihrer Kinderärztin beraten lassen. „Unerkannte, unbehandelte Sprachdefizite können zu Stress, Frust und Minderwertigkeitsgefühlen führen, zu Selbstisolation oder Ausgrenzung durch Gleichaltrige mit tiefgreifenden Folgen für die schulische sowie berufliche Laufbahn“, erklärt Sanjivkumar.